Prolog

 

Raven

 

Es hatte angefangen zu regnen.

Der Regen hämmerte lauter als mein scheiß Herz auf die Windschutzscheibe von Adams Jeep, mit dem ich auf dem Weg ins Krankenhaus war. Eden auf der Rückbank. Bewusstlos. Verletzt. Fuck. Ich verbrachte mehr Zeit damit, ständig in den Rückspiegel zu sehen und mit ihr zu reden, darauf hoffend, dass sie einfach antwortete, als auf die Straße zu sehen. Aber sie antwortete nicht.

Oder wachte auf, als mein Handy vibrierte und mir eine verfickte Nachricht von Brooke anzeigte.

BROOKE SENT YOU A VOICEMAIL.

Ich erwischte mich dabei, wie ich völlig von Sinnen auflachte. Drogen und Gras trugen ihren Teil dazu bei, aber auch ohne fehlte nicht mehr viel, und ich hätte mein Handy einfach aus dem Fenster geworfen.

Das war unmöglich.

Diese scheiß Voicemail war verdammt noch mal unmöglich.

Ich hatte Brooke auf der Straße liegen sehen, ihre Augen starr in den Himmel gerichtet. Ich hatte gesehen, wie Maxton und Jax sie vom Asphalt weggetragen hatten.

Brooke war tot.

Fuck.

Ein Teil in mir war erleichtert, weil die Scheiße endlich vorbei war – vorbei sein sollte. Aber ein anderer Teil fragte sich gerade ununterbrochen, ob mich meine eigene Hoffnung darauf nicht noch ficken würde. Mein Wagen verbrannte gerade mitten im Nirgendwo. Eden lag bewusstlos hinter mir, hatte verdammtes Blut gehustet, schien auf irgendwas drauf zu sein und sie … scheiße, sie durfte nicht sterben. Nicht, weil ich nicht da gewesen war. Nicht, weil ich versucht hatte, sie zu vergessen und sie von dieser Welt fernzuhalten, in der dieser abgefuckte Scheiß an der Tagesordnung stand.

Ich wusste, dass Maxton und Jax dichthalten würden, was Brooke anging. Niemand würde je erfahren, was passiert war. Niemand würde erfahren, dass Eden immer wieder geschrien und behauptet hatte, sie hätte Brooke umgebracht. Hätte sie überfahren.

Aber es ergab keinen Sinn. Das war mir selbst in meinem unzurechnungsfähigen Zustand klar. Allein, dass wir mitten im Nirgendwo waren …

Ein lautes Hupen riss mich aus meinen Gedanken. Mein Puls schoss in die Höhe, als ich das Lenkrad herumriss und wieder auf meine Spur lenkte. Gott … was tat ich hier? Der Wagen von der Gegenfahrbahn raste lautstark hupend an mir vorbei, aber ich schenkte ihm keine Beachtung. Fuhr einfach weiter und zwang mich zur Konzentration.

Eden durfte nicht sterben.

Ich musste sie ins Krankenhaus bringen.

Alles andere war jetzt scheißegal.

Als ich an der Notaufnahme des erstbesten Krankenhauses hielt, hob ich sie vorsichtig von der Rückbank. Keine Ahnung, ob was gebrochen war. Keine Ahnung, ob sie schlimmer verletzt war, als ich auf den ersten Blick sehen konnte. Dreck und verwischtes Blut auf ihrem Hals, in ihrem friedlichen Gesicht und ihren Händen trübte meine Sinne. Es zählte nur, dass sie noch atmete.

Ich brachte sie rein. Dabei sprach ich mit ihr, ohne zu wissen, was ich überhaupt sagte. Mein Mund bewegte sich, aber ich hörte meine Worte selbst nicht. Nicht mal dann, als mich zwei Krankenschwestern zu einer Liege dirigierten, wo ich Eden ablegte. Sofort waren mehrere Personen da. Vielleicht, weil ich sie anschrie, dass sie sich um sie kümmern sollten. Vielleicht, weil ich so aussah, als sollte man mir jetzt nicht widersprechen.

Ich taumelte zurück. Irgendwo in meinem Hinterkopf war mir klar, dass sie mir Fragen stellen würden und ich mir irgendwas ausdenken musste. Wo hatte ich sie gefunden? Was war passiert? Wie kam es zu den Verletzungen?

Aber nichts davon juckte mich gerade. Nicht, solange ich nicht die Gewissheit hatte, dass sie die Nacht überstehen würde.

Erst nach Stunden, die ich in diesem verfickten Wartebereich verbrachte, bekam ich sie. Eden lebte. Überlebte. Und erst dann brachte ich es über mich, mir Brookes Voicemail anzuhören.

00:00 / 00:48

Eden

 

Ein leises, monotones Piepen weckte mich.

Wo war ich?

Ich versuchte meine Augen zu öffnen, aber meine Lider waren so schwer, dass ich blind blieb.

„Wissen Sie etwas über Drogenmissbrauch?“ Eine unbekannte Stimme. Sie war mir so verdammt nah, dass ich schauderte.

„Was? Sie nimmt keine Drogen.“ Rave. Mein Körper beruhigte sich allmählich wieder.

„Wir konnten ihre Mutter nicht herholen, weil sie in einer Klinik in Nord-England lebt. Die zuständige Psychologin hielt es sogar für kontraproduktiv, ihr von dem Unfall zu berichten.“

„Und weiter?“, knurrte Rave.

Ich versuchte erneut meine Augen zu öffnen.

„Deshalb soll sie jetzt auch Drogen nehmen?“ Er lachte abschätzig.

„Ihr Blutbild deutet eindeutig auf eine längere Schädigung ihrer Organe hin. Sie hat aktuell ziemlich viele Drogen in ihrem Körper, Mr. Griffith. Diese junge Frau hat ein Drogenproblem. Ich kenne mich damit aus.“

Wieder schnaufte Rave. „Sie ist nicht das Problem, Sir.“

Ich wusste genau, was er damit meinte. Er glaubte, dass Brooke schuld daran war. Dass sie mir diese Drogen eingeflößt hatte. Als ich an sie dachte, als all diese Bilder wieder auf mich einprasselten, ihr toter Körper, krampfte mein Körper und ich spürte nur noch, wie mich jemand packte.

 

„Die Polizei ist da“, sagte der Arzt. Wieder konnte ich nichts sehen. Mich nicht bewegen. Ich war gefangen in meinem eigenen Körper.

„Die Familie von Brooke White hat ihre Tochter als vermisst gemeldet“, sagte eine weibliche Stimme. „Wann haben Sie sie das letzte Mal gesehen?“

„In einem anderen Leben“, gab Rave knapp zurück.

„Das ist eine ernste Angelegenheit, Mr. Griffith. Wir gehen davon aus, dass Brooke White tot ist.“

„Und warum?“, entgegnete Rave gelassen. Beinahe zu ruhig.

„Weil sie einen Abschiedsbrief hinterlassen hat.“

Rave lachte ungläubig auf und auch ich hätte am liebsten erschrocken aufgeschrien. Sie hatte sich also selbst umgebracht und mich vorher zu dieser Stelle gelockt? Aber warum? Damit ich ihre Leiche sehen musste?

„Sie wissen also nichts darüber?“

„Nein“, sagte Rave emotionslos und plötzlich spürte ich eine Berührung an meiner Hand. „Ich habe Brooke seit unserer Trennung Anfang letzten Trimesters nicht mehr gesehen. Das muss irgendwann im Februar gewesen sein.“

„In Ordnung. Halten Sie sich für weitere Fragen bereit und …“ Die Polizistin machte eine kurze Pause. „Wir werden informiert, wenn Miss Chamber sich entscheidet die Augen zu öffnen.“

„Sich entscheidet?“, knurrte Rave plötzlich. „Das ist keine verdammte Entscheidung, die sie treffen kann!“

„Mr. Griffith“, sagte die Frau mit sanfter Stimme. „Miss Chamber wurde vor vier Wochen zwangseingewiesen, weil ihre Werte eindeutig zeigen, dass sie rein körperlich genesen und wach ist.“

Der Druck an meiner Hand wurde stärker.

„Sie hat ein Drogenproblem und offenbar auch eine Depression, aus der sie nicht erwachen will.“

Ich hörte Schritte und dann war es eine ganze Weile still, bevor ich Raves Stimme nah bei mir hörte.

„Ich muss jetzt gehen. Und ich kann nicht wiederkommen. Aber Eden …“ Seine Stimme klang gebrochen. „Du musst die Augen aufmachen! Du musst! Tu es für mich!“

Ich spürte seine Lippen an meiner Stirn. Und dann fühlte ich nur noch Einsamkeit. Tage, Wochen.

Monate.

 

 

Kapitel 1

 

Eden

 

5 Monate später

 

„Eden?“ Ich schrak zusammen, als ich seine Stimme hörte. Der Lärm um mich herum kehrte schlagartig zurück, als ich mich zu Tyler drehte und ihn blinzelnd ansah. Sein schwarzer Anzug kostete mit Sicherheit mehr als die drei Monate Entzug, die Brookes Eltern für mich bezahlt hatten.

„Geht’s dir gut?“, fragte er und legte mir behutsam seine Hand auf die Stirn. Ich atmete tief ein und aus, bevor ich mich in dem Penthouse der Whites umsah. Überall schwarz gekleidete Menschen. Ein Buffet der Extraklasse und ein gerahmtes Bild von Brooke.

Ich schüttelte ehrlich den Kopf und suchte nach seinem Blick. Auch in seinem stand Verzweiflung. Aber seine wurde von Brookes Tod ausgelöst, von der Trauer um seine Schwester, die sie erst vor einer Woche und nach fast fünf Monaten der Suche aufgegeben hatten. Der Krieg, der in mir tobte, war ein anderer. Natürlich trauerte ich um meine beste Freundin. Um das Mädchen, mit dem ich aufgewachsen war. Aber sie hatte ich schon vor ihrem Tod verloren.

Ich strich mein schwarzes Kleid glatt und sah zu Boden.

„Du musst dich für deine Trauer nicht schämen, Crazy.“

Ich lachte kurz auf, als er meinen Spitznamen von früher benutzte. Er hatte ihn mir gegeben, weil ich immer in diesen bunten Klamotten und bemusterten Socken herumgelaufen war. Damals war es für mich das Größte gewesen, dass Tyler Ambrose White, den ich liebte, seit ich das erste Mal bei Brooke Zuhause gewesen war, einen Spitznamen nur für mich hatte. Dass es nicht wirklich der netteste Spitzname war, hatte ich damals geflissentlich ignoriert.

Doch wenn ich Ty jetzt ansah, dann konnte ich diese Gefühle nicht mehr vollends aufrufen. Diese jahrelange Schwärmerei für den reichen, gutaussehenden und charmanten großen Bruder meiner besten Freundin. Jemand anderes hatte sie an sich gerissen, nur um dann zu verschwinden. Rave. Nur den Namen zu denken, ließ mich erschaudern.

„Ist dir kalt?“

„Nein“, sagte ich heiser, weil ich so unendlich lange nicht gesprochen hatte.

In Tys Augen glitzerte etwas. Auch er wusste, dass ich seit dem Unfall kein einziges Wort geredet hatte. Er wusste es, weil er und seine Eltern genug Geld für meine Entziehungskur bezahlt hatten, um immer informiert zu werden, was ich mache und sage.

„Du redest, Crazy“, raunte Ty und strich mir sanft über die Wange. Seine grünen Augen strahlten. Nicht, weil er hoffte, ich würde etwas zu Brookes verschwinden sagen. Nein. Ich war ihm wirklich wichtig.

„Fühlt sich komisch an“, flüsterte ich und schenkte ihm ein zaghaftes Lächeln.

Wo war dieses Mädchen hin, das Rave aus mir rausgeholt hatte? War diese Eden für immer verschwunden und zurück blieb nur das Häufchen Elend, das ich vorher war?

Nein. Ich würde mich wiederfinden und dafür brauchte ich diesen Möchtegern Shadow-Prince nicht. Ich war stark genug, um für mich selbst zu kämpfen.

Die letzten Monate waren eine Wiederholung von Therapiesitzungen, bei denen ich geschwiegen hatte. Was hätte ich ihnen auch sagen sollen? Das arme Mädchen, um das gerade alle trauern und nach der die ganze Welt suchte, hatte mir Drogen eingeflößt? Nein. Denn dann hätte ich noch länger in dieser Anstalt gesessen. Die Presse war voll von Brookes tollem Leben gewesen. Von Fotos, die sie bei Hilfsorganisationen zeigten. Bei Bildern mit ihrem Pferd Aphrodite, das sie immer nur wie Dreck behandelt hatte. Und trotzdem hatten ihre Eltern es geschafft, dass die ganze Welt wissen wollte, wo dieses engelsgleiche Mädchen abgeblieben war.

„Das hier ist makaber“, sagte Ty plötzlich und warf einen Blick zu seinen Eltern. „Aber ich denke, dass es ihnen guttut, sie beerdigt zu haben. Auch wenn der Sarg leer war.“

Meine Brust zog sich brennend zusammen. Ich wusste, dass Rave jemandem Bescheid gesagt hatte, der die Leiche verschwinden lassen sollte. Ich wusste es, aber was sollte ich sagen? Denn ich selbst war es, die Brooke umgebracht hatte. Auch wenn ich geglaubt hatte, sie sei bereits tot gewesen. Mittlerweile war ich mir sicher. Ich hatte sie überfahren und getötet. Und dann hatte ich Rave mit in das alles hineingezogen und ihn zu meinem Komplizen gemacht. Und genau deshalb wollte er nichts mehr von mir wissen.

Alles in mir verkrampfte sich.

„Entschuldigst du mich kurz?“ Ich wartete nicht auf seine Antwort, sondern stürmte so unauffällig wie möglich zur Toilette. Niemand hier sollte denken, dass ich immer noch Probleme hatte. Die Whites würden mich ganz schnell zurück in dieses Gefängnis stecken.

Ich schloss hinter mir ab, rannte zur Toilette und erbrach mich. Immer und immer wieder, bis ich schluchzend neben der Schüssel auf die Knie sank und meinen Kopf darauf ablegte. Mein Verstand setzte aus. So wie so viele Male in den letzten Monaten und ich nahm mein Handy heraus. Das hier tat mir nicht gut. Es war dumm und selbstzerstörerisch und wahrscheinlich der Beweis dafür, dass ich ein Nichts war, jemand, der sich von anderen abhängig machte. Aber es war das Einzige, was ich jetzt wollte. Brauchte. Also drückte ich Play.

00:00 / 00:45

Stille. Ende. Das war's. Das war das Einzige, was Rave mir hinterlassen hatte.

Es war schon Monate her. Ich hatte ihn gehört. Gespürt, damals im Krankenhaus. Aber das konnten nur Pflichtbesuche gewesen sein. Denn dann verschwand er, bevor ich auch nur die Augen aufgemacht hatte. Bevor ich das alles hatte verstehen können. Bevor er … einfach gegangen war.

Und diese dumme Nachricht war alles, was mir von ihm geblieben war. Und was tat ich? Sie ständig wieder hören. Als würde es das echt machen. Nur wusste ich nicht, was es echt machen sollte. Die Zeit mit ihm oder dass er mich einfach so sitzen gelassen hatte.

„Eden?“ Ein Klopfen riss mich aus meinem Schluchzen. Es war schon wieder Ty. Und so sehr ich mir damals gewünscht hätte, er würde sich so sehr um mich kümmern wie jetzt, in diesem Moment wollte ich, dass es Rave ist. Dass er da vor dieser Tür stehen würde, um nach mir zu sehen.

„Wir trinken jetzt auf Brooke.“

Ich presste die Lippen zusammen, nickte mir selbst zu, steckte das Handy weg und erhob mich.

Als ich vor dem Spiegel stand und das Häufchen Elend betrachtete, zu dem ich geworden war, nahm ich den Ärmel meines Kleides und wischte mir damit den Mund ab.

„Weitermachen!“, bläute ich mir selbst ein und trat zu Tyler vor die Tür.

Er musterte mich und ich atmete laut und hörbar.

„Hör auf damit, Ty“, zischte ich und wollte gehen, doch er hielt mich am Arm fest.

„Womit?“ Seine grünen Augen durchbohrten mich.

„Mich zu behandeln wie all die anderen. Als wäre ich zerbrechlich. Als wäre ich das Opfer. Brooke ist es“, brachte ich mit all meiner Überzeugungskraft hervor.

„Ich würde dich nie –“

Ich hob meine Hand und brachte ihn so zum Schweigen. „Du würdest. So wie sie alle. Sie warten nur darauf, dass ich zusammenbreche. Aber das werde ich nicht.“

„Warum?“

„Warum ich nicht zusammenbreche?“ Ich sah ihn irritiert an.

„Warum hat du Drogen genommen, Eden?“ Er schüttelte den Kopf. „Seit ich dich kenne, hasst du Drogen. Für das, was mit deiner Mutter passiert ist. Du … du würdest sie nie nehmen. Du hättest sie nie genommen.“ Seine Stimme legte sich sanft auf meine Haut. Ich spürte beinahe, wie meine Wimpern meine Wangen berührten, so langsam blinzelte ich, als ich begriff, dass Ty der einzige Mensch war, der wirklich wusste, wer ich war und dass ich so etwas nie tun würde.

„Ich habe keine Drogen genommen“, antwortete ich also ehrlich.

Er verengte seinen Blick. „Hat dieser Shadow-Typ sie dir eingeflößt?“

Ich erstarrte, weitete meine Augen und wich dann zurück. „Was?“

„Ich habe gehört –“

„Mir ist egal, was du gehört hast!“ Ich schüttelte wieder den Kopf. „Rave hat damit nichts zu tun.“

Er hebt ganz langsam seine Brauen und kommt näher. „Eden …“

„Nein!“  Ich schlug die Hand weg, die er mir auf die Schulter legen wollte und drehte mich um. Vor mir im Gang starrten mich unzählige Augen an. Es war also passiert.

Das, was sie alle zu sehen gehofft hatten.

„Wir haben uns nur über Brookes Lieblingsfarbe gestritten“, ertönte dann Tys Stimme und zog damit all diese düsteren, bohrenden Blicke auf sich. Er kam zu mir, legte den Arm um mich und schenkte all unseren Zuschauern ein betretenes Lächeln. „Aber beste Freundin schlägt den Bruder.“ Die Anwesenden nickten und wendete sich ab.

Ich wollte mich bedanken, ja, das wollte ich wirklich. Aber ich fand meine Stimme nicht mehr. Auch dann nicht, als Ty mich zu ihrem riesigen Flügel führte, damit wir dort den Trinkspruch auf Brooke ausrufen konnten.

Und ein Teil von mir war froh, dass ich keine Stimme mehr finden konnte, die auf dieses falsche Monster hätte Lobreden aussprechen können.

 

 

2 Wochen später

 

„Wenn du noch Hilfe brauchst, Eden, dann …“

„Ich schaffe das, Mrs. White“, sagte ich schnell und starrte hinaus auf das gigantische Unigebäude.

„Cecilia“, bot sie mir zum hundertsten Mal ihren Vornamen an. Aber ich hatte davon bisher nie Gebrauch gemacht, das würde ich jetzt nicht ändern.

Sie wollte es sich nicht nehmen lassen, mich persönlich hierherzubringen. Vielleicht, weil sie immer noch Angst hatte, dass ich das nicht konnte. Und ja, die alte Eden hätte vielleicht niemals ohne Brooke hierher zurückkehren können.

Ich bedankte mich, öffnete dann die Tür und stieg aus. Ich konnte Brookes Mutter nicht länger in die Augen sehen. Ja, vielleicht wusste sie nicht, dass ihre Tochter zum Monster geworden war. Aber das änderte auch nichts an der Tatsache, dass ich mit ihrem Tod zu tun hatte.

Ich nahm meine kleine Reisetasche mit mir und ging die von alten Bäumen flankierten Wege zum Wohnheim.

Als ich vor der Tür ankam, stockte ich und atmete ein paar Mal tief durch, bevor ich sie öffnete und in die Augen eines Mädchens sah. Alles in mir gefror zu Eis. Vor allem, weil ein Teil in mir für den winzigen Bruchteil einer Sekunde gedacht hatte, da würde Brooke sitzen. Aber das da war nicht sie. Und hinter ihr in den Regalen und am Schreibtisch, das waren auch nicht Brookes Sachen.

„Ich bin Maisie“, brachte sie heraus, als hätten ihr diese beiden Worte seit Stunden im Hals gesteckt. „Ich weiß, dass hier eigentlich deine Freundin wohnt … gewohnt hat … und es tut mir leid, aber …“

„Die Zimmer müssen vergeben werden“, ergänzte ich und schob die Tür hinter mir zu.

„Ich wollte das nicht.“

Ich musterte ihre langen blonden Haare und die blauen Augen, die mich ehrlich ansahen.

„Es ist besser so“, flüsterte ich und schmiss meine Tasche in den kleinen Wandschrank, bevor ich mich auf mein Bett setzte und sie wieder ansah. Sie hätten wenigstens jemanden wählen können, der Brooke nicht so verdammt ähnlich sah. Wenn ich nicht wüsste, dass Brooke längst tot war, würde ich schwören, dass sie mir diesen wunderschönen Engel geschickt hatte.

„Was studierst du?“

„Englische Literatur.“

Ich schloss meine Augen. Na super. Sie würde ich also nicht so schnell loswerden.

„Du auch, nicht wahr? Ich habe deinen Stundenplan vom vorletzten Trimester gesehen.“ Sie deutete auf meine kleine Pinnwand über dem Schreibtisch. „Ich hatte dieselben Kurse, als du weg warst. Also könnten wir …“

„Jetzt zusammen zu dem Kursen gehen“?

Sie sah mich irritiert an. Wahrscheinlich, weil ich schon zum zweiten Mal ihren Satz beendete. Warum auch immer ich das tat.

„Ich wollte jetzt los zum Literaturkurs. Kommst du mit?“

Ich atmete schwer. Ausgerechnet dieses Seminar. Das, was Rave und mir gehörte. In dem wir vor einer gefühlten Ewigkeit wie Freunde waren, die sich gegenseitig Kaffee und Donuts mitbrachten.

Trotzdem war er einer der bekanntesten Autoren und somit musste ich diesen dämlichen Kurs besuchen. Also nickte ich, steckte meinen Block und einen Stift in meine Tasche und sah sie auffordernd an.

Der Weg dahin fiel mir schwer. Alles hier erinnerte mich an Brooke. Aber vor allem an Rave. Warum ging mir dieser Vollidiot nicht aus dem Kopf? Wer weiß, wie viele Voicemails er von Brooke bekommen hatte, die er mir verheimlicht hatte. Wahrscheinlich war es auch sie gewesen, die wollte, dass er mit mir schlief. Ganz großartig.

Als wir am Raum ankamen, blieb ich wie vom Blitz getroffen stehen und starrte einfach nur auf die Tür. Als wäre das hier das Tor zur Unterwelt. Schlimmer. Die zum tiefsten Teil des Tataros. Aber was sollte mir schon passieren? Und was hatte ich für eine Wahl? Keine. Ich musste mich Raven Griffith stellen. Falls er überhaupt noch hier studierte.

Also nickte ich mir selbst zu und betrat den riesigen Vorlesungssaal. Aber ich sah mich nicht um. Starrte wie ein kleines Mauerblümchen auf den Boden und folgte Maisies Schritten. Eine fatale Entscheidung, denn nur ein paar Meter weiter prallte ich gegen etwas Großes, Hartes. Oh nein. Nein. Nein. Bitte nicht. Wie in Zeitlupe sah ich auf und starrte in zwei dunkle Augen. Keine blauen Augen. Nicht Rave.

„Hoppla“, brummte der Kerl und schenkte mir ein Grinsen. „Die Augen immer geradeaus, Princeton-Girl.“

Ich blinzelte und bemühte mich nicht den Kopf zu schütteln, weil er sich anhörte, als würde er versuchen einen amerikanischen Slang nachzuahmen.

„Ähm“, brachte ich schließlich heraus, woraufhin er auf meinen Pulli deutete. Natürlich. Ich trug Tys Princeton-Pullover. Nach der Beerdigung hatte ich bei ihm geschlafen und er gab ihn mir. Seitdem trug ich ihn ständig. Warum auch immer. Ty gab mir eine Art Sicherheit. Und weil er nicht hier war, um mein Händchen zu halten, musste ich mit dem Pullover vorliebnehmen.

„Ich studiere nicht dort. Es ist der Pullover eines Freunds“, erklärte ich und hob entschuldigend meine Hände.

„Oh. Na dann“, sagte er nun in einem perfekten britischen Englisch, so wie sie es hier alle beherrschten. Auf dieser Uni studierten schließlich nur die Kids von reichen und einflussreichen Engländern. Na ja, bis auf mich.

Ich grinste ihm zu, um weiterzugehen, und suchte mit meinen Augen nach Maisie. Und dann sah ich ihn. Mein Herz brannte wie Feuer. In den letzten Monaten hatte ich mir diese Begegnung so oft vorgestellt. Hatte mir ausgemalt, wie ich ihn anschreien würde. Ihn schlagen würde. Aber jetzt, da er da vor mir saß und ich nur seinen Hinterkopf, die verwuschelten dunklen Haare und die starken Schulter sehen konnte, wurden meine Knie weich und ich wollte am liebsten wegrennen.

„Eden!“, schrie Maisie durch den kompletten Saal und winkte mir zu. Raves lässige Haltung spannte sich augenblicklich an. Ich stand da und starrte auf seinen Rücken. Wartete. Er hatte meinen Namen gehört. Aber er drehte sich nicht um. Stattdessen spielte er mit einem Stift herum, als würde ihn das alles hier langweilen.

Ich brauchte unzählige Sekunden, bis ich mich endlich aus meiner Starre löste und zu Maisie schritt. Zum Glück hatte sie einen Platz hinter Rave gesichert, was verhinderte, dass ich ihn in meinem Rücken wissen musste. Wahrscheinlich hätte ich nach nur ein paar Sekunden den Raum verlassen.

Ich wusste nicht, ob es wirklich ein gebrochenes Herz war, was mich zu diesem dämlichen Teenie machte. Wahrscheinlich war es viel eher das gebrochene Vertrauen. Die Enttäuschung, dass er ohne eine echte Erklärung gegangen war. Nicht als der, mit dem ich geschlafen hatte, sondern als mein Freund. Mein Verbündeter in Brookes krankem Spiel.

Als der Professor den Saal betrat, kehrte Stille ein. Aber in mir tobte immer noch ein Krieg.

„Wir befassen uns heute mit dem Thema der unerwiderten Liebe.“

Mir entfuhr ein lautes, hysterisches Lachen. Sofort presste ich meine Hand auf den Mund und riss die Augen auf. Alle Augen richteten sich auf mich. Nur die von Rave klebten immer noch auf dem Professor.

„Miss …?“

„Chamber“, brachte ich heraus und senkte meinen Kopf. Wie gerne würde ich mich jetzt einfach in Luft auflösen.

„Haben Sie etwas zu dem Thema zu sagen?“ Er hob seine Brauen, ging um den Tisch herum und lehnte sich mit verschränkten Armen dagegen.

„Ich frage mich nur, ob es die in der Literatur wirklich gibt“, sagte ich fest und beobachtete genau, wie er seinen Kopf schieflegte.

„Wie kommen Sie darauf? Handelt nicht beinahe jeder Liebesroman genau von diesem Thema, Miss Chamber?“

„Ich würde sagen, dass sie beinahe alle von erwiderter Liebe handeln, der aber etwas im Weg steht. Ob es die gesellschaftlichen Normen sind oder der Tod, wie bei Romeo und Julia. Sie alle liebten sich, durften sich aber nicht lieben.“ Ich presste kurz die Lippen aufeinander. „Müsste es also nicht eher verpasste Liebe? Verbotene? Oder ganz einfach Schicksal sein?“

Der Professor sah mich nachdenklich an.

„Ist nicht genau das das Problem? Dass wir alle von unerwiderter Liebe sprechen und dann all diese Bücher lesen, in denen die Helden gute Gründe haben, ihre Liebsten von sich zu stoßen? Ist es nicht genau das, warum wir auch im echten Leben hoffen, doch geliebt zu werden, auch wenn längst alles geklärt ist?“ 

Rave rutschte auf seinem Stuhl hin und her. Es war kaum zu erkennen, aber ich sah es.

„Vielleicht, aber ist Hoffnung nicht eigentlich etwas Gutes? Hält sie uns nicht oben, bis wir irgendwann die Hoffnung aufgeben, der Schmerz aber nicht mehr derart groß ist?“

Ich lachte stumm. „Liebe ist immer mit Schmerz verbunden. Und manche Wunden heilen nicht. Auch nicht durch Hoffnung“, sagte ich und lieferte mir ein Blickduell mit dem Professor.

Er verengte ganz leicht seine Augen. „Das ist ein sehr interessanter Ansatz, Miss Chamber.“

„Ich denke, wenn Dinge im Weg stehen, wenn man sie sich in den Weg stellen lässt, dann ist es auch keine Liebe.“

Seine Worte waren wie ein fester Fausthieb in meinen Magen und meine Brust. Die Stimme, nach der ich mich so sehr gesehnt hatte, dass ich immer wieder seine dumme Voicemail angehört hatte. Und jetzt machte genau diese Stimme meine letzte Hoffnung zunichte. Vielleicht hatte ich insgeheim gewusst, dass ein Teil von mir gehofft hatte, er wollte mich nur schützen. Aber nein. Er hatte nie mehr von mir gewollt. Und eigentlich hatte er genau das gesagt. Es gehörte alles zum Spiel.

„Also ist auch Julias Liebe keine gewesen, weil sie starb?“, fragte der Professor.

„Julia sah, dass sie und ihr Romeo durch den Tod getrennt wurden, also brachte sie sich um. Und Romeo tat das gleiche für sie. Sie ließen sich nicht von den umständen aufhalten. Sie blieben vereint“, sagte Rave gelassen und rau. Seine Stimme war wie immer. Es hatte sich also nichts verändert. Nicht für ihn.

„Sie starben beide, weil sie unfähig waren, miteinander zu sprechen!“, platzte es aus mir heraus. Ich starrte auf Rave, der sich ganz langsam bewegte. Mein Atem stockte. Und dann trafen mich seine eisblauen Augen und etwas in mir brach. Da war nichts. Kein Gefühl. Keine Vertrautheit. Als wäre ich eine Fremde, die ihn nervt.

„Reden ist Silber, Schweigen ist Gold, Cinderella“, raunte er laut genug, dass ich es hören konnte und hob überheblich einen Mundwinkel.

Ich schluckte, griff dann nach meiner Tasche und stürmte aus dem Raum, bevor die Tränen aus meinen Augen platzten. Wie konnte er nur?

Hinter mir sprang die Tür auf und Maisie erschien im Gang.

„Was willst du?“, blaffte ich sie an und fuhr mir durch mein Gesicht.

„Was ist denn los?“, fragte sie vorsichtig und kam näher.

„Du kennst mich nicht!“, fauchte ich und wich zurück. „Also geh zurück in den Kurs und … studiere. Aber lass mich in Frieden.“

Sie runzelte die Stirn und machte dann trotz allem wieder einen Schritt auf mich zu. „Scheiß doch auf Griffith. Der hat bestimmt nur wieder Ärger mit seiner Freundin.“

Und da war er. Der Schlag, den ich nicht hatte kommen sehen. Nach all den Hieben dachte ich, könnte keiner mehr folgen. Aber dieser hier traf mich härter als jeder zuvor.

„Freundin?“, stammelte ich. Meine Sicht verschwamm.

Maisie sah mich an, als wäre ich verrückt geworden, legte aber eine Hand auf meine Schulter und holte mich so zurück. „Ja, sie sind seit letztem Trimester zusammen.“

Er war also hier gewesen. Die ganze Zeit. Während ich in einer Entzugsklinik gesessen hatte, obwohl er genau wusste, dass ich niemals selbstständig Drogen genommen hatte, war er hier an der Uni gewesen und hatte sein Leben weitergelebt. Ohne mich und mit einer anderen.

„Wer ist sie?“

„Willow“, antwortete sie, als müsste ich wissen, wer das war. Ich sah sie fragend an.

„Die Enkelin vom Duke of Kent. Hast du das nicht in den Klatschblättern gelesen? Sie studiert seit letztem Trimester hier.“

Nein, das hatte ich nicht gelesen. In den letzten Monaten hatte ich Zeitschriften und Fernseher gemieden. Eigentlich, um nicht ständig Brookes Gesicht sehen zu müssen.

„Aber sie soll schwierig sein, weshalb Griffith echt super oft miesgelaunt ist.“

„Der Arme“, zischte ich und wollte gehen, aber sie hielt mich auf.

„Hast du Gefühle für ihn oder ist es, weil er der Ex deiner verstorbenen Mitbewohnerin ist?“ Sie verzog den Mund, als hätte sie über das, was sie da sagte, zu spät nachgedacht.

„Ich?“ Ich lachte halbherzig. „Griffith ist ein schlechter Mensch, Maisie. Ich hätte niemals …“

„Was?“ Raves Stimme ließ mich zusammenzucken. Ich nahm all meinen Mut zusammen, straffte meine Haltung und drehte mich zu ihm um. Ich blieb stark. Auch dann noch, als ich seine große drahtige Gestalt vor mir stehen sah. Sein Kopf war schiefgelegt und um seine Lippen spielte ein kalkuliertes Lächeln.

„Gefühle für ihn“, sprach  ich zu Ende und wich seinem Blick nicht aus.

„Gut zu wissen“, erwiderte er gelangweilt und ließ seine Augen dann zu Maisie wandern. Über ihr Gesicht und ihren gesamten Körper. Er schien ebenfalls die Ähnlichkeit zu Brooke zu bemerken und doch wirkte er, als würde ihm gefallen, was er da sah. Und das schlimmste war, dass ich es erkannte, weil er mich auch schon so angesehen hatte.

„Wir sehen uns heute Abend?“, fragte er und sah dabei immer noch Maisie an. Mein Herz stolperte.

„Natürlich. Wir müssen unsere Karaokekünste trainieren“, gab sie lachend zurück und wurde dabei purpurrot.

„Karaoke?“, fragte ich an Rave gerichtet.

Maisie begann neben mir eine Antwort zu brabbeln. Aber ich hörte ihr nicht zu. Rave wusste, worauf meine Frage gezielt war. Und an wen sie gerichtet war.

„Die Dinge ändern sich“, raunte er und sah dann hinab auf meine Sneaker. „Nicht nur bei mir.“ Mit diesen Worten ging er. Und ich wünschte ich hätte ein Paar meiner bunten Socken angezogen. Einzig um ihm zu beweisen, dass ich mich nicht verändert hatte. Und das, obwohl ich wusste, dass alles anders war. Auch ich.

 

 

 

Kapitel 2

 

Eden

 

Ich folgte Maisie in die Mensa, um etwas zu frühstücken. Aber der Appetit war mir vergangen. Mehr als das. Trotzdem holte ich mir einen Obstbecher und setzte mich neben sie.

„Was meintest du mit Karaoketraining?“, nuschelte ich irgendwann und bemühte mich, dabei unbeteiligt zu wirken.

„Ach, letztes Trimester haben wir zusammen gesungen.“ Sie kicherte und steckte sich dann einen überfüllten Löffel Müsli in den Mund.

„Er hat mir dir gesungen?“

„Wow. Danke. Wirkt, als sei ich nicht gut genug für Raven Griffith.“

Ich biss mir auf die Lippe. „So war das nicht gemeint. Er singt einfach ungern.“

Sie hob ihre Brauen. „Dafür, dass du ihn nicht leiden kannst, scheinst du aber viel über ihn zu wissen.“

„Er ist der Prince der Shadows. Jeder weiß viel über ihn. Und auch wieder nichts.“

Sie lachte und warf mir einen verständnislosen Blick zu. „Er ist nicht mehr nur der Prince, Eden.“

Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken.

„Diese Savannah hat dafür gesorgt, dass Rave ganz an die Spitze gewählt wurde.“

Blinzelnd bemühte ich mich zu begreifen, was das zu bedeuten hatte. War es also doch nicht Maxton gewesen, den er damals am Unfallort angerufen hatte? Und warum sollte Savannah wollen, dass Raven die Shadows anführte?

„Und Maxton ist jetzt der Prince?“

„Wer?“, fragte Maisie mit vollem Mund. Etwas stimmte nicht. Er war also verschwunden? Oder hatte er einfach den Abschluss gemacht, als ich nicht hier war?

„Auf jeden Fall“, nuschelte sie und machte ausschweifende Bewegungen mit ihrem Löffel, „bat mich Rave letztes Trimester ein Lied mit ihm zusammen zu singen. Für Willows Geburtstag.“ Alles in mir gefror zu Eis. „Ich war selbst total verwundert, dass Raven Griffith, der King der Shadows überhaupt wusste, dass ich existiere. Aber … ich habe ja gesagt und seitdem sind wir Freunde.“

Mir entfuhr ein Lachen. Verdammt, ich musste meine Emotionen besser in den Griff bekommen. Sie sah mich fast schon erzürnt an.

„Es ist nur … Raven hat keine Freunde. Bis auf Adam vielleicht.“

„Ich glaube, dass du ihn nicht sonderlich gut kennst, Eden.“

Ich schnaufte und nahm mein Handy heraus. Als ich auf dem Display seinen Namen sah, schrak ich zusammen.

„Alles gut?“

„Ich, ähm …“, stammelte ich, „habe nur die Zeit vergessen. Ich muss in einen Kurs“, log ich und erhob mich.

Maisie sah mir irritiert nach, aber ich hielt es keine Sekunde länger aus.

Als ich endlich in die frische Luft nach draußen trat, sammelte ich mich, drückte auf Play und hielt mir das Handy ans Ohr.

00:00 / 00:07

Mein Mund öffnete sich. Ich stand einfach nur da. Sekunden oder Minuten und starrte auf die große Weide vor mir, bis ich den Schmerz durch Wut ersetzen konnte. Und doch spürte ich eine winzige Träne meine Wange hinunterwandern. Warum tat er das? Warum konnte er mich nicht einfach in Ruhe lassen? Warum benahm er sich wie ein eiskaltes Arschloch, das mich vor langer Zeit zurückgelassen hatte, nur um mir dann so was zu schicken?

Ich atmete tief ein und drückte erneut auf Play. Wieder und wieder.

 

„Eden?“ Maisie trat in unser Zimmer, als wäre sie sich nicht sicher, ob ich sie hier haben wollte. Als ob ich eine Wahl hätte. Das hier war auch ihr Zimmer. Viel mehr als das, war es ein Trimester lang nur ihr Zimmer gewesen. 

„Du bist ja in Schlafsachen“, entfuhr es ihr schockiert. Ich schob meine Brauen zusammen und sah an meiner Jogginghose hinab. Ich verkniff mir aber den Kommentar, dass ich mit ihr sogar ziemlich oft Vorlesungen besuchte.

„Wir müssen los!“, summte sie und öffnete meinen Kleiderschrank. Mein Blick fiel sofort auf die vielen Klamotten, die nicht mir, sondern Brooke gehörten. Ich sah mich ängstlich um. Fast so, als würde Brooke hier irgendwo lauern. Dabei wusste ich genau, wie Mrs. White war. Mit Sicherheit hatte sie beim Einpacken von Brookes Sachen vieles in meinen Schrank gehängt, damit sie sie nicht wegschmeißen musste.

Dennoch war das kein Geschenk. Nicht für mich. Es fühlte sich falsch an und am liebsten würde ich das alles hier und jetzt mitten im Zimmer verbrennen.

„Wow“, staunte Maisie und zog ein schwarzes enges Kleid heraus. Natürlich eines von Brooke. „Das musst du anziehen!“

„Nein“, sagte ich fest und stand auf. „Ich werde gar nichts anziehen.“

„Du willst also so gehen?“, fragte sie, als ich ihr das Kleid entriss und auf den Boden des Schrankes schmiss.

„Ich gehe gar nicht.“

„Wegen Griffith?“

„Nein“, log ich. Doch da begriff ich, dass ich es nur seinetwegen nicht tun wollte. Dieser verdammte Wichser hatte immer noch eine viel zu große Kontrolle über mich. Sein Auftreten im Kurs. Danach und bei dieser Voicemail. Sollte Raven Griffith doch sehen, dass er keine Macht mehr über mich hatte.

Ich hob das Kleid wieder auf. „Tut mir leid. Du hast recht. Das sollte ich anziehen.“

Maisie grinste und wartete, bis ich mich umgezogen und etwas zurechtgemacht hatte, bis wir uns auf den Weg ins Memphis machten.

Es erinnerte mich an Brookes und meinen ersten Tag hier. Nur dass Maisie bei mir war. Mehr als das, sie war zu mir gekommen und hatte mich mitgenommen. Brooke war damals längst allein im Memphis gewesen.

Als wir eintraten, erschlug mich der Geruch nach Alkohol und Rauch. Er brachte so viele Erinnerungen zurück, dass meine Brust unruhig kribbelte und mein Blick auf die Bühne fiel, auf der Rave und ich damals zusammen gesungen hatten. Es war fast, als wäre das in einem anderen Leben gewesen.

Ich ließ meine Augen über die Studenten nach hinten zu den Shadows wandern. Zu ihrer Ecke. Rave lehnte an dem Billardtisch und redete mit einer jungen Frau. Seine Augen funkelten und um seine Lippen spielte ein Lächeln. Ein echtes Lächeln. Und da begriff ich, dass das da Willow war. Und dass das mit ihr nicht nur ein Spiel war.

Sie sagte etwas und er schmiss den Kopf in den Nacken und lachte, bevor er einen Schritt auf sie zumachte, seine Finger an ihre Wange legt und sie küsste.

Ich ging einen Schritt nach hinten. Ein übermächtiger Fluchtinstinkt nahm mich ein, doch dann spürte ich eine Hand an meinem Rücken. Maisie.

„Sicher, dass du nichts für ihn empfindest?“

Ich nickte, leckte mir über meine Lippen und folgte ihr zu einem Tisch, an dem ein Mädchen und zwei Kerle saßen.

„May“, stellte sie vor und deutete auf die junge dunkelhaarige Frau. „Allen und Cassius.“ Die beiden Kerle gaben mir förmlich die Hand. Cassius, der dunkelhaarige der beiden, erhob sich sogar leicht dabei.

„Das ist Eden.“

Sie tauschten seltsame Blicke. Natürlich. Ich war die beste Freundin der verschwundenen Studentin, die danach ein Trimester lang nicht aufgetaucht war.

„Singst du auch?“, fragte Cassius und rückte näher an mich, damit wir uns in dem Lärm verstehen konnten.

„Oh nein. Ich kann nicht singen“, lachte ich und bestellte dann ein Bier. Die Jungs fügten noch vier Shots für uns hinzu.

„May trinkt keinen Alkohol. Sie verträgt es nicht.“

„Asiaten generell“, stellte sie richtig und schenkte mir ein völlig unterkühltes Lächeln.

„Ich spiele in einer Band. Und als du reinkamst, habe ich meine neue Liedsängerin vor mir gesehen“, sagte Cassius und setzte einen schwärmenden Ton auf. Ich lachte und sah hinüber zur Bühne.

„Ich stehe auch noch zur Verfügung“, beschwerte sich Maisie.

„Sorry, Honey, aber du bringst kaum einen geraden Ton heraus. Keine Ahnung, was Mister Shadow King in dir gesehen hat.“ Er drehte seinen Finger in der Luft vor seiner Stirn. „Aber der hat eh 'ne Meise.“

Ich grinste. Cassius hatte bereits eine Millionen Pluspunkte bei mir.

Ich versuchte mich zu zwingen, diese Willow nicht anzusehen. Aber nach dem fünften Shot scheiterte mein plan und ich sah doch verstohlen zum Billiardtisch. Rave stand hinter der Prinzessin und zeigte ihr, wie man richtig spielte. Am liebsten hätte ich auf den tisch gekotzt. Das da war nicht Rave. Das konnte nicht rave sein. Vielleicht passte es zu ihm, dass er Ladys zeigte, wie sie spielen mussten, um sie später ins bett zu kriegen. Aber eine Freundin? Um die er sich so viel Mühe gab? Das konnte nicht sein. Oder er hatte sich wirklich verändert. Warum dann aber die Voicemail?

„Deine gedanken kreisen“, stellte Cassius fest und holte mich damit zurück in den Lärm des Memphis.

„Was?“

„Man sieht es dir an.“ Er grinste und schob mir dann ein neues Bier zu.

„Was studierst du eigentlich?“, fragte ich, um mich selbst abzulenken. Aber es gelang mir nicht. Meine Augen wanderten immer wieder hinüber und das Ernüchterndste daran war, dass Rave mich nicht einmal wahrnahm. Als wäre ich das kleine Anhängsel von Brooke wie damals.

„Wirtschaft“, antwortete er und folgte meinem Blick. „Willst du eine Runde spielen?“

Ich sah ihn entsetzt an und lachte dann auf. „Niemand außer den Shadows darf hier ungestraft Billard spielen.“ Ich schüttelte verständnislos den Kopf.

Cassius grinste nur, stand auf und hielt mir seine Hand entgegen.

„Wenn du der Bruder des Prinzen und Berater des Königs bist, darfst du alles.“

Ich blinzelte und sah zum Billardtisch. „Du bist Adams Bruder?“

Er verbeugte sich leicht und schenkte mir ein weißes Lächeln.

Sei mutig! Ich war mutiger gewesen, als Brooke endlich aus meinem Leben verschwunden war. Auch, wenn sie mir noch Voicemails gesendet hatte. Aber ich würde mit ihrem Tod jetzt nicht wieder die alte Eden werden. Also legte ich meine Hand in seine und ging zusammen mit ihm zur Billardecke.

„Lust auf einen richtigen Gegner, Griffith?“, begrüßte er Rave, der sich mit zornigen Augen von Willow entfernte.

„Cas“, quittierte er sein Auftreten und verzog den Mund mit einem Blick zu Adam.

„Familie“, sagte der und hob die Schultern, bevor er auf mich zu kam und mich in die Arme schloss.

„Wie geht es dir, Kleines?“, hauchte er mir liebevoll ins Ohr und betrachtete mich dann, als könnte man die Spuren der letzten Monate an meinem Äußeren erkennen.

„Gut“, antwortete ich und boxte ihm gegen die Schulter.

„Eden.“

Ich schloss die Augen und sog die Luft um mich herum ein, bevor ich mich zu Rave drehte.

Sein Blick sprach Bände. „Was willst du hier?“

„Sehr nett“, entgegnete ich. Die Wut in mir wuchs.

Seine Augen wanderten zu dem Bier in meiner Hand. „Hast du getrunken?“

Ich öffnete fassungslos meinen Mund. „Das geht dich einen feuchten Dreck an, Griffith!“ Seine Lider zuckten kurz. Er hatte es schon damals gehasst, wenn ich ihn so genannt hatte. Sein Problem. Ich war mit Sicherheit nicht sein Spielball. Auch, wenn mich seine große düstere Statur gerade mächtig einschüchterte.

Ein Räuspern ertönte hinter ihm. Er schnalzte mit der Zunge und trat dann zur Seite.

„Willow, das ist Eden.“

„Freut mich!“, sagte sie obwohl ihre Augen nicht gerade nach Freude aussahen.

„Mich auch“, erwiderte ich ihre Lüge und reichte ihr die Hand.

„Eden und ich wollten eine Runde spielen“, meldete sich Cassius wieder zu Wort, trat neben mich und legte seinen Arm auf meine Schulter. „Wenn ihr euch traut.“

Raves Blick verengte sich mehr und mehr. Trotzdem nickte er, als die Rufe der Shadows, ob der King etwa kniff, lauter wurden.

„Das hier wirst du bereuen“, raunte er im Vorbeigehen in mein Ohr. Ein Schauer lief mir über den Rücken. Hatte dieser Vollidiot etwa den Verstand verloren? Ich würde das hier bereuen? Ich schüttelte den Kopf und sah Rave dabei zu, wie er die Kugeln aufreihte und sich dann zu Willow stellte. Aber nicht, ohne ihr einen Kuss auf die Stirn zu hauchen, so wie er es früher bei mir getan hatte.

„Kannst du spielen?“, fragte Cassius als er mir die Queue in die Hand legte.

Ich begegnete Raves dunklen Augen und schüttelte mit einem winzigen Grinsen den Kopf. „Nein“, sagte ich dann unschuldig. Raves Kiefer mahlte. „Würdest du es mir zeigen?“ Raves Finger krallten sich in das Holz des Tisches. Seine Knöchel stachen weiß hervor. Er wusste genau, dass ich fast schon besser spielte als dieser lächerliche King hier vor mir. Er wusste es und ich wusste es. Aber wenn er spielte, dann konnte ich das auch.

„Du nimmst sie so in die Hand und dann …“, erklärte Cassius und stellte sich hinter mich. Wie in Zeitlupe beugte ich mich vor und streckte meinen Hintern ein wenig zu weit in seine Richtung. Aber mein Blick war fest auf Rave gerichtet, bis ich ihn abwendete und die Kugel ansah.

„Und dann stößt du zu.“ Lautes Gelächter ertönte.

„Du solltest vielleicht zustoßen, bei dem Hintern, Cas!“, rief einer der Shadows. Ich kannte ihn nicht. Er musste neu sein. Ich sah zu ihm und verfolgte seine sexistischen Bewegungen. Und plötzlich trat Rave in mein Blickfeld und rammte ihm mit voller Wucht seine Faust ins Gesicht. Ich erstarrte ließ die Queue los und ging auf den Shadow und Rave zu.

„Sag mal, spinnst du?!“, fuhr ich ihn an und wollte mich gerade zu dem Verletzten beugen, als Rave meinen Arm packte und mich mit sich zog.

„Lass mich los!“, knurrte ich, während hinter uns immer noch betretene Stille herrschte.

Willows Blicke bohrten sich in meinen Rücken.

„Lass mich los!“, wiederholte ich. Doch erst, als wir in der Toilette ankamen, ließ er von mir ab und rammte seine Faust in die Tür.

„Bist du jetzt vollkommen bekloppt geworden?“ Ich schüttelte den Kopf und wollte gehen, doch Rave schloss die Tür vor mir mit seiner Hand. Ich starrte auf die schwieligen Knöchel. Sein Arm ruhte direkt über meiner Schulter. Ich spürte seinen Atem in meinem Nacken.

„Was soll das, Eden? Prostituierst du dich jetzt etwa an zweitklassige Studenten-Penner?“

Ich runzelte die Stirn, drehte mich um und erschrak, weil er mir so verdammt nah war. Ich atmete seinen Geruch ein wie eine Droge. Wie lange hatte ich mich genau danach gesehnt.

„Was ist dein Problem, Griffith?“

„Ehrlich, Eden? Griffith?“ Er hob abschätzig seine Brauen.

„Was ist dein Problem?“, wiederholte ich einfach nur und gab meiner Stimme all die Stärke, die ich noch besaß.

„Du bist noch nicht bereit.“

Ich lachte laut auf und befreite mich von ihm. Ich ging zum Waschbecken. So weit weg von ihm wie nur möglich.

„Das ist nicht deine Entscheidung. Und als du mich vor einem halben Jahr zurückgelassen hast, das hast du jegliches Recht verloren, mich auch nur anzusprechen.“

„Du hast ein Drogenproblem und sitzt da und trinkst Alkohol.“

Ich konnte nicht fassen, was er da sagte. So viel Zorn stieg in mir auf, dass ich auf ihn zu ging und ihn grob schubste. Er presste die Lippen aufeinander und ballte seine Hände zu Fäusten.

„Du weißt genau, dass ich niemals Drogen genommen hätte!“

„Und weiter? Die Sucht ist jetzt trotzdem ein Teil von dir.“

„Ist sie nicht!“, schrie ich ihn an. Er wusste so vieles über mich. Über meine Mutter. Wie ich aufgewachsen war. Über das, was Brooke uns angetan hatte und was ich ihr angetan hatte. Und dann so etwas? Ich schüttelte enttäuscht den Kopf. „Du magst mich zurückgelassen haben, weil ich ein Ballast für dich war, Rave. Aber ich hätte nicht gedacht, dass du einfach vergisst, wer ich bin.“

„Wie du bist?“ Er lachte auf. So verdammt herablassend, dass ich ihn am liebsten schlagen würde. „Was genau meinst du? Dass du mit Studenten viel zu viel Alkohol trinkst? Oder dass du einem Kerl erzählst, du könntest nicht spielen, um ihm Macht über dich zu geben? Und das alles in diesem Outfit?“ Er deutet auf Brookes schwarzes Kleid und lachte erneut. „Das bist du, Eden?“

Ich biss die Zähne zusammen. „Ich dachte du bist froh, dass ich nicht mehr das kleine Mauerblümchen bin.“

„Du hast mir gefallen, als du noch du warst.“

„Genau.“ Ich lachte. „Deshalb bist du damals mit Brooke zusammengekommen. Deshalb hast du andere in irgendeinem Keller gevögelt, während ich dich gebraucht hätte. Deshalb hast du uns gefilmt, als wir …“ Mir versagte die Stimme.

Rave kam auf mich zu, seine Augen fixierten mich. „Was habe ich gefilmt?“ Seine Stimme war düster und bebend.

„Das weißt du genau.“ Tränen wanderten mir über die Wange. Verdammt. Ich wollte keine Schwäche vor ihm zeigen. Und eigentlich war ich mir damals sicher gewesen, dass er uns niemals gefilmt hätte. Aber jetzt war alles anders. Jetzt war mir klar, dass Rave genauso gerne Spielchen spielte wie Brooke. Allein diese Voicemail heute. Er benutzte mich.

„Was weiß ich genau?“, fragte er langsam und deutlich.

„Dass du ein beschissenes Video hast, auf dem wir beide miteinander schlafen.“

Ihm entglitten die Gesichtszüge. Erst schien es, als würde er loslachen. Dann aber drängte er mich gegen die Tür und rammte seine Faust neben mir in das Holz.

„Nimm das zurück!“

„Ich habe es auf deinem Laptop gesehen, bevor ich zu … zu ihr gefahren bin.“

Sein gesamter Körper bebte. Seine Augen flackerten. „Ich hätte niemals gefilmt, wie ich mit dir schlafe. Niemals.“

Ich zögerte kurz, weil er nicht wie üblich vom Vögeln sprach.

„Also war das auch Brooke?“

Seine Lider zuckten und sein Blick senkte sich. „Ich war es nicht.“

„Und das soll ich dir glauben?“

Er seufzte. „Kannst du mir neuerdings etwa nicht mehr vertrauen?“

„Wie sollte ich?“ Ich schüttelte den Kopf. „Erst verschwindest du, dann schickst du mir so eine beschissene Voicemail, dass du mich nie wirklich mochtest, sondern alles nur ein Spiel war. Dann sehen wir uns, du behandelst mich wie eine Fremde, nur um mir dann so eine dumme Voicemail zu schicken, dass ich gut aussah?!“

„Hat sie dir etwa nicht gefallen?“, fragte er und hob seinen Mundwinkel. Aber er sah nicht ganz so unbeschwert aus wie sonst. Sein Problem, dass ich ihn mittlerweile zu gut kannte. Oder zumindest geglaubt hatte ihn zu kennen.

„Wo warst du, Rave?“, stellte ich die Frage, die mir schon so lange auf der Seele brannte. „Wo warst du, als ich nach dir gesucht habe?“

Er zögerte, dann fuhr er sich durch sein Haar und wandte seinen Blick ab. „Im Horizon.“

„Das ist eine verdammte Lüge!“, schrie ich ihm entgegen. „Ich war da. Niemand von euch. Ihr wart …“ Ich blinzelte. „Außer …“

Ich starrte ihn fassungslos an. „Hast du an diesem Abend in diesem Hurenkeller eine flachgelegt, Rave?“

Sein Blick verschleierte sich. Er sah mich immer noch nicht an. Als würde ich eine böse Erinnerung in ihm wecken.

„Hast du da unten irgendeine Tussi gevögelt, während ich zu Brooke gefahren bin?!“

Endlich sah er mich an. Eine Mischung aus Trauer und Kälte strömte mir entgegen und ließ mein Herz gefrieren. „Es waren zwei.“ 

Ich keuchte. Keuchte so laut, dass ich meinen Schmerz nicht verdecken konnte. Völlig entsetzt wich ich zurück und prallte gegen die Tür.

„Du …“

„Ich was? Ich Hure? Ich Wichser? Spar's dir, Eden. Ich habe dir nie versprochen, dass du ein Exklusivrecht auf mich hast. Das hat niemand!“

„Und Willow schon?“, fragte der zutiefst verletzte Teil in mir. Der, der sich wider jeder Vernunft in Raven Griffith verliebt hatte und jetzt als Häufchen Elend auf dem Boden lag und immer wieder von mir selbst getreten wurde.

„Sie ist etwas anderes.“

Ich lachte, aber Tränen platzten dabei aus meinen Augen. Verzweifelt versuchte ich meine Würde wiederzufinden. Ohne Erfolg.

„Warum? Weil sie etwas Besonderes ist?“ Ich spuckte vor ihm auf den Boden.

Rave sah mich an, als würde er mich nicht wiedererkennen. „Ich hatte gehofft, du könntest damit leben, dass ich dich nicht so will wie du mich und wir –“

„Was? Könnten Freunde sein?“, frage ich, statt abzustreiten, dass ich immer mehr von ihm wollte als er von mir. Es hatte keinen Sinn. Denn genau so war es gewesen.

Er holte tief Luft und sah mich beinahe mitleidig an. Wahrscheinlich hatte ich diesen Blick verdient.

„Ja. Genau das habe ich gehofft.“

Ich nickte mit zusammengepressten Lippen.

„Willow ist meine Freundin. Ich habe mich für sie verändert. Und sie hat mich zum Guten verändert, Eden.“

Jedes Wort schnitt eine Wunde in mein Herz. So lange, bis ich kaum noch etwas fühlte.

„Ich werde dir keine Nachrichten mehr schicken, wenn du sie so falsch interpretierst.“ Er kam näher und strich mir eine Träne von der Wange. Und ich dummes Ding wehrte mich nicht einmal.

„Und jetzt muss ich zurück zu der Frau, die ich liebe, und ihr erklären, was ich hier mit dir getan habe.“ Mit diesen Worten legte er seine Hände auf meine Schultern, schob mich zur Seite und ging.

Er liebte sie. Ich hätte nie gedacht, dass Rave das je über jemanden sagen würde.

Ich hasste ihn. Aber viel mehr noch hasste ich mich selbst, weil ein Teil von mir gehofft hatte, er würde es eines Tages zu mir sagen.

Ohne den anderen noch einen Blick zuzuwerfen, stürmte ich aus der Toilette, durch das Memphis und hinaus an die kühle Luft, wo ich gegen jemanden stieß.

Ich wollte gerade eine Entschuldigung murmeln und weitergehen, als mich der Kerl an den Hüften berührte, um mich zu halten und ich den Geruch erkannte.

Mit tränenden Augen sah ich hinauf in Tys grüne Augen.

„Was machst du denn hier?“

Er sah kurz zum Memphis und dann wieder zu mir. So als würde er nach dem Grund meines Zustands suchen.

„Ich bin hier, um herauszufinden, was wirklich mit Brooke passiert ist.“

Mir stockte der Atem.

„Und ich hoffe, dass du mir dabei hilfst.“

 

 

Kapitel 3

 

Raven

 

Auf dem Weg zurück hätte ich fast meine Faust gegen die nächstbeste Wand gerammt. Fuck. Was hatte ich mir dabei gedacht, überhaupt mit Eden zu reden – und was glaubte sie eigentlich, was sie hier tat?

Sie. Gehörte. Nicht. Hierher. War das so schwer zu verstehen?

Es war mir scheißegal, wenn sie meinte, sie müsste sich im Memphis aufhalten oder betrinken. Aber musste sie vor meinen Augen diese Scheiße abziehen, um … was? Mich zu provozieren? Mich eifersüchtig zu machen? Zu hoffen, dass ich erkennen würde, dass sie die einzig Wahre für mich war?

Nach dem, was mit Brooke passiert war, könnte man das vielleicht erwarten. Hoffen. Denken. Keine Ahnung. Aber Edens und meine Welt waren so wenig kompatibel wie Feuer und Wasser – und ich würde sie ertränken, ohne mit der Wimper zu zucken.

Sie war zu labil. Das hatte sie mir gerade bewiesen.

Aber wie auch in den letzten Monaten, schob ich den Gedanken an sie, das Bild, wie sie gerade vor mir gestanden und ausgesehen hatte, als hätte ich sie geschlagen, beiseite und ging zurück zum Billardtisch. Brian, der diesen scheiß Spruch über Eden gemacht hatte, war verschwunden, und das war auch gut so. Dem Bastard hatte ich es jetzt zu verdanken, dass ich Willow irgendwie erklären musste, warum ich deswegen so ausgerastet war. Mal von dem mit Eden abgesehen.

So eine verfickte Scheiße.

Bevor ich mich ihr aber stellte, griff ich mir im Vorbeigehen eine von den Flaschen, die auf dem Stehtisch platziert waren, und achtete nicht mal darauf, was für eine. Ich setzte sie einfach an und nahm einen Schluck. Hoffte, dass der auch den Rest von Eden aus mir herausspülte.

»Alles klar, Mann?«, hörte ich Adam hinter mir fragen, aber ich beachtete ihn kaum. Stattdessen sah ich mich im Raum um, aber Willow war nicht hier.

»Wo ist sie?«, wollte ich wissen, und mein bester Freund kapierte sofort.

Er trat näher an mich heran und zündete sich eine Kippe an. »Ist kurz rausgegangen, und … Mann. Ich glaub, du hast da heut Nacht noch was gut zu machen, Kumpel. Sie sah angepisst aus.«

Ich verzog das Gesicht. Nicht, dass ich was anderes erwartet hätte. Oder dass sie nicht ein Recht darauf hatte, immerhin war sie meine Freundin.

Meine Freundin.

Etwas in mir wollte sich deswegen verkrampfen und sich schütteln. Seit Brooke hatte ich angefangen, diese Bezeichnung zu hassen, und ich hätte auch nicht gedacht, dass ich in diesem Leben noch mal eine Frau als meine Freundin beschreiben würde. Aber Willow … Ich mochte sie. Sie tat mir gut. Zumindest auf eine Art, dass ich mit diesem ganzen abgefuckten Bullshit klarkam, der sich die letzten Monate abgespielt hatte. Sie war … irgendwie anders. Zwar kapierte ich immer noch nicht, welcher Teufel mich geritten hatte, zu behaupten, für sie hätte ich mich zum Guten verändert – fuck, ich war, wer ich war, und daran konnte keine Frau der Welt was ändern –, aber noch weniger kapierte ich, dass Eden mir das abgekauft hatte.

Was mich wieder daran erinnerte, dass sie nicht die war, für die ich sie gehalten hatte. Sie war nicht nur labil, sondern auch noch blauäugig.

»Ich geh sie suchen«, meinte ich noch zu Adam, bevor ich die Flasche wieder auf irgendeinen Tisch stellte und das Memphis durchquerte. Dabei wanderte mein Blick zu der Gruppe, mit der Eden hergekommen war, aber da sie gerade nicht mehr zu sehen war, atmete ich erleichtert auf.

Leider hielt dieses Gefühl nur solange an, bis ich aus dem Memphis raustrat und spürte, wie mein Handy in der Hosentasche vibrierte.

Es fühlte sich jedes Mal an, als hätte man es mir zwischen die Rippen gerammt. Immer und immer wieder und jedes Mal mit mehr Kraft.

Weil hinauszögern aber nichts brachte und ich Willow gerade nirgendwo sehen konnte, zog ich mein Handy raus und war nicht mal überrascht, als ein BROOKE SENT YOU A VOICEMAIL auf meinem Display aufploppte.

Da war kein Schock mehr, nur noch Wut.

00:00 / 00:38

Ich presste die Zähne aufeinander und konnte den Drang, mich wie ein Irrer umzusehen, nicht unterdrücken.

Was zur verfickten Hölle …? Woher wusste sie diese ganze Scheiße? Worüber wir gesprochen hatten? Dass Eden ihr Kleid getragen hatte? Und diese verdammte Drohung … Ich kapierte es immer noch nicht.

Ich dachte ständig darüber nach, zerdachte es, versuchte es von allen Seiten zu betrachten, aber es ergab einfach keinen scheiß Sinn. Nichts davon.

Brooke war tot. Brookes Leiche war da draußen. Ich hatte gesehen, dass sie tot war.

Tot.

Tot.

Tot, verdammt.

Ihre starr aufgerissenen Augen hatten sich in meinen Schädel gebrannt und eigentlich gab es keinen einzigen Grund daran zu zweifeln, dass sie nicht wirklich das bekommen hatte, was sie verdiente.

Wenn da dieses Aber nicht wäre … Das Wissen, dass ich nicht dabei gewesen war und gesehen hatte, wie sie Brooke losgeworden waren. Es gab keine Beweise. Nichts. Weder für ihr Überleben noch für ihren Tod.

Brooke war tot.

Aber es würde mich nicht mal mehr wundern, wenn dieses Miststück einen Weg gefunden hätte, wiederaufzuerstehen.